Seiten

weitere Info's

Sonntag, 12. April 2026

[HÖREINDRUCK] Nemesis Töchter | ein feministisches Plädoyer


Titel: Nemesis' Töchter | Autorin: Tara-Louise Wittwer
Verlag: Argon Verlag | Hördauer: 5 Stunden und 53 Minuten
Kaufen: E-Book TB / HB
Gesprochen von: der Autorin selbst

Inhaltsangabe

Ein feministisches Plädoyer für die Anerkennung weiblicher Wut von Platz-1-SPIEGEL-Bestseller-Autorin Tara-Louise Wittwer alias @wastarasagt  Seit Jahrhunderten werden Frauen unterdrückt. Frauen, die in irgendeiner Weise Stärke ausgestrahlt, sich selbst ermächtigt und zur Wehr gesetzt haben, werden belächelt, verurteilt und dämonisiert. Und all diese Frauen leben in uns weiter - ihre Angst, ihre Freude, ihre Liebe. Und ihre Wut. All diese Mütter, Großmütter und Urgroßmütter. Alle Frauen der Geschichte, die große Opfer auf dem steinigen Weg zur Gleichberechtigung bringen mussten.  Auf der Suche nach den Ursprüngen von Female Rage taucht Tara-Louise Wittwer (Sorry, aber ...) in die europäische Geschichte ein und erzählt die ungehörten Geschichten der Frauen, die sich gegen das männliche Narrativ der Schwäche und Passivität gestemmt haben. Von den Sagen der Antike, bis zur Realität des 21. Jahrhunderts, von Giulia Tofana, der legendären Giftmischerin, bis zu den unbekannten Heldinnen des Alltags.  

(Quelle: Buchhandlung Albrecht)

Meine Meinung



Respekt ist kein Bonus, sondern längst überfällig


Schon nach den ersten Kapiteln war für mich klar: Dieses Buch möchte ich mir unbedingt noch einmal kaufen. Es verbindet kluge Gedanken mit Humor, Ironie und pointierten Beispielen, die mich immer wieder zum Lachen gebracht haben und im nächsten Moment tief erschüttert zurückließen.

Dass die Göttin Nemesis die Namensgeberin des Titels ist, empfinde ich als besonders passend. In der griechischen Mythologie steht sie für ausgleichende Gerechtigkeit, Vergeltung und den gerechten Zorn gegenüber Hochmut und Ungerechtigkeit. Genau diese Idee zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch: Frauen, die Unrecht nicht länger still hinnehmen, sondern Gerechtigkeit einfordern: lau und sichtbar.

Um das Thema Rache greifbar zu machen, verwendet Tara-Louise Wittwer den Begriff „Female Rage“. Sie zeigt, dass weibliche Wut kein Randphänomen ist, sondern tief in historischen Erfahrungen von Unterdrückung und Misogynie verwurzelt liegt. Mit Beispielen aus vergangenen Zeiten, aber auch aus der Gegenwart, macht sie deutlich, wie präsent diese Erfahrungen bis heute sind.

Wie viele Frauen sind wütend, wütend auf ihren Chef, wütend auf den Ex-Partner oder einfach auf den Typen, der sie gestern plump in der Disco angemacht hat? Und doch findet diese weibliche Wut oft kein echtes Gehör, vor allem nicht bei Männern. Genau hier setzt das Buch an: Es gibt dieser Wut eine Stimme, ohne dabei Humor, Ironie und Selbstreflexion zu verlieren.

Besonders eindrücklich sind zudem die geschilderten Straftaten von Männern an Frauen. Sie verdeutlichen, wie real Angst, Ohnmacht, strukturelle Ungleichheit und misogyn geprägte Denkmuster weiterhin sind und warum Gedanken an Selbstjustiz oder Rache überhaupt entstehen können, wenn Frauen noch immer als das „schwächere“ Geschlecht wahrgenommen werden. Auch die zahlreichen Hass- und Sinnloskommentare unter den Social-Media-Beiträgen der Autorin zeigen, wie groß die Abwehrhaltung mancher Männer noch immer ist und wie schwer es offenbar fällt, Frauen den längst verdienten Respekt entgegenzubringen.

Darüber hinaus greift die Autorin historische Themen wie die Hexenverfolgung auf, ein erschütterndes Beispiel dafür, wie weibliche Eigenständigkeit, Wissen oder Abweichung von gesellschaftlichen Normen über Jahrhunderte kriminalisiert und brutal bestraft wurden. Im feministischen Kontext macht sie deutlich, dass diese Mechanismen der Kontrolle, Abwertung und Misogynie keine abgeschlossene Vergangenheit sind, sondern in veränderter Form bis heute nachwirken.

Auch die sogenannten Magdalenenheime werden thematisiert. Dabei handelte es sich um kirchliche Einrichtungen, in denen Frauen, oft gegen ihren Willen, untergebracht wurden, weil sie als „gefallen“ oder moralisch unangepasst galten. Viele mussten dort unter harten Bedingungen leben und arbeiten. Die Erinnerung daran zeigt, wie stark gesellschaftliche Moralvorstellungen über weibliches Verhalten das Leben von Frauen kontrolliert und eingeschränkt haben, ein weiterer Ausdruck historisch gewachsener Misogynie und ein wichtiger Bezugspunkt für heutige feministische Debatten über Selbstbestimmung und Würde.

Tara-Louise Wittwer liest das Hörbuch selbst mit einer sehr angenehmen Stimme, viel Witz, aber auch lauten, ernsten Tönen, die genau dort treffen, wo es weh tut. Auffällig ist ihre häufige Verwendung des Begriffs „Narrativ“, den ich für mich erst richtig einordnen musste, der aber letztlich sehr passend beschreibt, wie gesellschaftliche Denkmuster entstehen und weitergegeben werden.

Ich konnte ihr in unglaublich vielen Punkten zustimmen. Für mich war es ein intensives, bewegendes und zugleich unterhaltsames Hörerlebnis.

Besonders in Erinnerung wird mir folgender Satz der Autorin bleiben:
„Ich schreibe dieses Buch nicht, weil ich Männer hasse. Ich schreibe dieses Buch, weil ich Frauen liebe.“

Und dann ein persönlicher Gedanke zum Schluss: Wer ein richtiger Mann ist, einer, der Frauen Verständnis entgegenbringt, Probleme vergangener und aktueller Zeiten anerkennt und bereit ist zuzuhören, sollte ebenfalls zu diesem Buch oder Hörbuch greifen. Es lohnt sich. Absolut empfehlenswert.

Fazit

„Nemesis Töchter“ ist weit mehr als ein Hörbuch, es ist ein kraftvoller, ehrlicher und stellenweise unbequemer Blick auf unsere Gesellschaft. Es macht wütend, es regt zum Nachdenken an und es gibt Frauen eine Stimme, die viel zu lange überhört wurde. Tara-Louise Wittwer schafft es, wichtige Themen mit Klarheit, Witz und Tiefe zu verbinden.

Ein kleiner persönlicher Kritikpunkt bleibt für mich jedoch das Cover: Es spricht mich leider überhaupt nicht an. Wüsste ich nicht, worum es in diesem Buch geht, hätte ich es im Handel vermutlich nicht mitgenommen, was schade ist, denn der Inhalt überzeugt umso mehr.

Für mich dennoch ein absolutes Hörerlebnis, das nachwirkt und eines, das ich von Herzen weiterempfehlen kann.

Die Autorin

Tara-Louise Wittwer, geboren 1990, ist studierte Kulturwissenschaftlerin und lebt in Berlin. Hier arbeitet sie als Autorin und Content Creatorin. 2019 gründete sie ihr Unternehmen wastarasagt mit dem gleichnamigen, schnell wachsenden Instagram-Account. Auf ihren Social-Media-Kanälen spricht sie über Feminismus sowie den Einfluss von Popkultur und Medien auf die eigene Identität, internalisierte Misogynie und darüber, wie alte Rollenbilder stetig reproduziert werden. Zuletzt erschien ihr Buch „Sorry, aber...“.

Weitere Bücher der Autorin

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

DATENSCHUTZ: Mit dem Absenden deines Kommentars und dem Einverständnis der Kommentar-Folgefunktion bestätigst du, dass du meine Datenschutzverordnung gelesen hast und die Speicherung deiner Daten akzeptierst.