Mittwoch, 4. Februar 2026

[REZENSION] Wenn die Kraniche nach Süden ziehen | Roman

Titel: Wenn die Kraniche nach Süden ziehen | Autorin: Lisa Ridzén
Seitenanzahl: 384 Seiten 
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Inhaltsangabe


Bo ist 89, und ihm läuft die Zeit davon. Andererseits ist Zeit wenigstens etwas, das er noch zur Genüge hat. Denn seit seine Frau in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt, sind Bos Tage viel zu lang. Sein Kontakt beschränkt sich auf seinen Hund Sixten und die täglichen Besuche vom Pflegedienst. Hans, sein Sohn, kommt dagegen nur selten vorbei und traut ihm vor allem gar nichts mehr zu. Jetzt will er ihm auch noch den Hund wegnehmen. Dabei braucht Bo seinen geliebten Vierbeinigen so dringend wie noch nie. Warum versteht das niemand? Der drohende Verlust seines Hundes bringt Bo dazu, die Schlüsselmomente seines Lebens zu überdenken. Wenn die Kraniche nach Süden ziehen ist ein brillant geschriebener, weltweit gefeierter Roman voller Witz und Wärme über das, was im Leben wichtig ist und uns mit Zuversicht erfüllt.

(Quelle: Btb Verlag)

 

Meine Meinung


Altwerden zwischen Kaminwärme, Erinnerungen und Verlust



"Wenn die Kraniche nach Süden ziehen" von Lisa Ridzén ist ein leiser, zutiefst berührender Roman über das Altwerden, über Einsamkeit – und über die kleinen Dinge, die einem Menschen Halt geben, wenn das Leben zunehmend brüchig wird.

Die Geschichte spielt in Schweden und lebt von eindrucksvollen Landschaftsbeschreibungen, die nie laut sind, sondern sich wie ein ruhiger Atemzug durch das Buch ziehen. Im Mittelpunkt steht Bo, 89 Jahre alt, verwitwet im Herzen, denn seine Frau lebt inzwischen in einem Pflegeheim. Ihre Demenzerkrankung hat ein gemeinsames Leben unmöglich gemacht. Zurück bleibt Bo – allein in seinem Haus, mit dem Kamin als stetigem Begleiter und seinem Jämthund Sixten an seiner Seite.

Bo schläft nicht gern im Bett. Lieber auf der Küchenbank. Vielleicht, weil sie näher am Leben ist. Vielleicht, weil dort die Erinnerungen wärmer sind. Immer in Griffnähe steht ein Schraubglas – mit einem ganz besonderen Inhalt. Ein stilles, beinahe unscheinbares Gefäß, das so viel mehr bedeutet, als man zunächst ahnt. Dieses Glas ist Erinnerung, Verbindung und Halt zugleich. Es steht für Nähe, die nicht mehr greifbar ist, und für Liebe, die geblieben ist. Für mich war dieses Detail eines der berührendsten des gesamten Buches – so klein erzählt und doch so voller Bedeutung. Ebenfalls immer in seiner Nähe: Sixten. 
Der Hund, der seinen Kopf unter Bos Hand schiebt oder ihn schwer und vertraut auf Bo's Oberschenkel legt. Man spürt beim Lesen sofort, dass Sixten mehr ist als ein Haustier. 
Er ist Halt, Struktur, Trost. Familie. 

Dieses fragile Gleichgewicht beginnt zu kippen, als Bo's körperliche Kräfte nachlassen. Spaziergänge werden gefährlich, enden mit Stürzen. Das Holen von Kaminholz wird zur Herausforderung. Schließlich muss Bo Windeln tragen – ein Einschnitt, der still und schmerzhaft beschrieben wird. Plötzlich ist da ein Pflegerteam, das kocht, aufräumt, Sixten ausführt, Bo's Körper wäscht. Alles geschieht fürsorglich, gut gemeint, organisiert. Und doch geht etwas verloren: Selbstbestimmung.

"Alle denken, sie könnten über mein Leben bestimmen - nur ich selbst darf es nicht." (S. 194)

Besonders schwer wiegt der Konflikt mit Bo's Sohn Hans, der aus Sorge – und vielleicht auch aus Überforderung – beschließt, Sixten dem Vater wegzunehmen. 

"Als wollte er mich bis ins Mark verletzen, auf Teufel komm raus." (S. 170)

Zu Bo's Sicherheit. Zum Wohl des Hundes. Was rational klingt, trifft Bo mitten ins Herz. Seine Gegenwehr ist oft von trockenem Humor begleitet, von Gedanken, die schmunzeln lassen und gleichzeitig weh tun. Genau hier liegt eine große Stärke des Romans: Trotz der Schwere des Themas bleibt Raum für Witz, für Wärme, für Menschlichkeit.

Lisa Ridzén erzählt Bo's Geschichte nicht nur im Jetzt. Immer wieder gleiten seine Gedanken in die Vergangenheit. Rückblicke auf seine Kindheit, das Kennenlernen seiner Frau, die frühen Jahre mit Sohn Hans. Diese Erinnerungen sind organisch eingebettet, nie konstruiert, und machen Bo's Leben greifbar – als Ganzes, nicht reduziert auf sein Alter.

Ein weiterer Anker ist Bo's telefonischer Kontakt zu seinem besten Freund Ture. Auch er alt, auch er kämpfend mit Körper und Geist. Diese Gespräche sind ehrlich, brüchig und voller unausgesprochener Angst vor dem, was noch kommt.

Immer häufiger schleichen sich Gedanken in Bos Kopf, die erschrecken und zugleich so menschlich sind: dass er nicht mehr will. Dass all die gut gemeinten Entscheidungen über seinen Kopf hinweg, all die Fürsorge, Regeln und Abläufe ihm die Luft nehmen. Nicht das Leben selbst ist es, das ihm zu schwer wird – sondern das Gefühl, darin kaum noch selbst vorzukommen.

"Ich will nicht mehr, ich will nicht mehr, ist das Einzige, was in meinem Innern zu hören ist." (S. 282)

Besonders eindrücklich sind die kurzen Notizen des Pflegerteams, die jedes Kapitel oder jeden Tag eröffnen. Knapp, sachlich, fast nüchtern – und doch erzählen sie zwischen den Zeilen ganze Geschichten. Man erfährt, wie es Bo geht, ob er gegessen hat, wie seine Stimmung ist. Diese Notizen beruhen auf einer realen Inspiration der Autorin: Fundstücke aus dem Pflegealltag ihres Großvaters. Sie verleihen dem Roman eine beklemmende Authentizität.

Das Ende dieses Romans kam für mich überraschend. Nicht laut, nicht dramatisch – und gerade deshalb traf es mich mit voller Wucht. Für einen kurzen Moment fühlte es sich an, als würde mir das Herz zerrissen, und die Tränen flossen, ohne dass ich sie hätte aufhalten können. Der Buchtitel ist in diesen letzten Seiten auf eine so wunderschöne, leise Weise eingearbeitet, dass er dem Geschehen noch einmal eine tiefere Bedeutung verleiht. Es ist eines dieser Enden, die man nicht sofort schließen kann, weil sie noch lange im Inneren nachhallen.

„Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ ist ein Buch über das Altwerden, das nichts beschönigt und nichts dramatisiert. Es zeigt, wie sehr Menschen im Alter Gefahr laufen, nicht mehr in ihren Bedürfnissen gesehen zu werden – selbst dann, wenn alle nur das Beste wollen. Es ist ein Buch über Einsamkeit, über Verlust von Kontrolle, aber auch über Liebe, Erinnerungen und die Würde des Menschen bis zuletzt.

Ja, ich habe dieses Buch geliebt und werde es in meiner eigenen Praxis für Ergotherapie vor allem älteren Lesern und ihren Angehörigen empfehlen.


Mein Fazit


Dieses Buch ist leise – und gerade deshalb so eindringlich. Es geht unter die Haut, ohne laut zu sein. Wer sich auf Bo's Gedankenwelt einlässt, wird mit einem tiefen Verständnis für das Alter, für Pflege, für familiäre Konflikte und für die Bedeutung von Nähe belohnt.
„Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ ist ein Roman, den man nicht einfach liest – man fühlt ihn. Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die Bücher lieben, die lange nachhallen ❤
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Die Autorin

Lisa Ridzén, geboren 1988, ist Doktorandin der Soziologie und erforscht Männlichkeitsnormen in den ländlichen Gemeinden im hohen Norden Schwedens, wo sie selbst aufgewachsen ist. Heute lebt sie mit ihrem Hund in einem kleinen Dorf außerhalb von Östersund. Die Idee zu ihrem Debütroman "Wenn die Kraniche nach Süden ziehen" entstand, als sie ein Heft mit Notizen entdeckte, die das Pflegeteam ihres Großvaters der Familie nach dessen Tod hinterlassen hatte. Während des Schreibens besuchte Lisa Ridzén die Långholmen Writers Academy. Ihr Roman wird von Presse und Leser*innen weltweit gefeiert, erhielt zahlreiche Preise (2024 Best Book of the Year und Swedish Bookseller Award) und erscheint in 42 Ländern.
© Gabriel Liljeval

Mein herzlichster Dank für die Bereitstellung des Leseexemplares gilt


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