
Inhaltsangabe
Meine Meinung
Ein Junge, der seine Mutter retten wollte
Glasgow in den 1980er Jahren: Arbeitslosigkeit, graue Siedlungen, Perspektivlosigkeit. In dieser rauen Welt wächst Shuggie auf, ein sensibler Junge, der nichts sehnlicher will, als seine Mutter zu retten.
Im Mittelpunkt steht Agnes, schön, stolz und immer bemüht, Haltung zu bewahren. Sie legt großen Wert auf ihr Äußeres, möchte sich ihre Würde nicht nehmen lassen, selbst wenn um sie herum alles zerbricht. Doch Agnes ist schwer alkoholkrank.
Zunächst scheitert ihre Beziehung zu Shuggies Vater Shug, einem Taxifahrer. Mit seinem Weggang verliert sie nicht nur ihren Partner, sondern auch den letzten Halt. Der folgende Umzug verschärft die soziale Isolation und ihre Abhängigkeit.
Erst danach beginnt Agnes, die Aufmerksamkeit anderer Männer gezielt für sich zu nutzen. Ihre Ausstrahlung wird zu einer Art Überlebensstrategie: ein wenig Geld für die Familie, kleine Zuwendungen – und schließlich auch Mittel, um ihre Sucht weiter zu finanzieren. Was als Versuch beginnt, über die Runden zu kommen, wird Teil des zerstörerischen Kreislaufs.
Der Autor beschreibt diesen Sumpf aus Armut und Alkoholismus eindringlich. Die Monotonie der Tage, die Routinen, das Warten auf den nächsten Drink, die Bekanntschaften unter Gleichgesinnten, all das wirkt erschreckend authentisch. Man spürt förmlich die Schwere eines Lebens, das sich nur noch um die nächste Flasche dreht.
Und Shuggie steht mittendrin. Seine Liebe zu seiner Mutter ist bedingungslos. Er putzt, sorgt sich, kontrolliert heimlich Flaschenstände und hofft auf nüchterne Tage. Seine Mission ist klar: Er will sie retten.
Doch er bleibt immer öfter allein zurück. Seine älteren Geschwister kehren ihrer Mutter mit Erreichen der Volljährigkeit den Rücken, aus Selbstschutz, aus Erschöpfung. Für Shuggie bedeutet das, die Verantwortung weiterzutragen.
Auch er selbst hat es nicht leicht. Seine fantasievolle, weiche, empfindsame Art fällt auf in der harten Arbeiterwelt Glasgows. Er passt nicht in das raue Umfeld, wirkt anders, verletzlich. Seine Sensibilität und Homosexualität machen ihn angreifbar und gleichzeitig machen sie ihn zu einer so berührenden Figur.
Als Agnes es schließlich schafft, ein Jahr lang abstinent zu bleiben, ist die Hoffnung greifbar. Gemeinsam feiern sie dieses eine trockene Jahr, ein seltener Moment von Licht in all der Dunkelheit. Doch ein neuer Mann tritt in Agnes’ Leben und bringt erneut Unruhe und Enttäuschung. Die Jahre vergehen, und immer deutlicher wird: Agnes kann nicht die Mutter sein, die Shuggie so verzweifelt braucht und er kann sie auch nicht retten.
Die Hörbuchfassung lebt in besonderer Weise von Mark Waschkes Interpretation. Er trifft den Glasgower Ton bemerkenswert gut und verleiht jeder Figur Tiefe. Besonders Shuggies Stimme ist voller Emotion, Ratlosigkeit und kindlicher, unerschütterlicher Liebe. Waschke liest nicht nur, er fühlt. Dadurch wird das Hörerlebnis intensiv und nachhaltig.
Fazit
"Shuggie Bain" ist ein schonungsloser Roman über Armut, Sucht und soziale Ausweglosigkeit, aber vor allem über Loyalität und die tragische Liebe eines Kindes zu seiner Mutter. Es ist keine leichte Kost, sondern ein Buch, das man aushält und das lange nachhallt.
Gleichzeitig muss ich sagen, dass es mir nicht immer leichtfiel, konzentriert bei der Geschichte zu bleiben. Vielleicht lag es an der schweren, bedrückenden Thematik, die emotional sehr mitnimmt. Vielleicht aber auch an der Länge des Hörbuchs von über 15 Stunden, die gerade aufgrund der gleichförmigen, trostlosen Lebensumstände einiges an Durchhaltevermögen verlangt.
Trotzdem bleibt es ein intensives, eindringliches Hörerlebnis – getragen von einer herausragenden Lesung, das noch lange nachwirkt.
Der Autor




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