Freitag, 27. Februar 2026

[REZENSION] In die Wildnis | Roman

Titel: In die Wildnis Autor: Jon Krakauer
Seitenanzahl: 304 Seiten 
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Inhaltsangabe


Im August 1992 wurde die Leiche von Chris McCandless im Eis von Alaska gefunden. Wer war dieser junge Mann, und was hatte ihn in die gottverlassene Wildnis getrieben? Jon Krakauer hat sein Leben erforscht, seine Reise in den Tod rekonstruiert und ein traurig-schönes Buch geschrieben über die Sehnsucht, die diesen Mann veranlasste, sämtliche Besitztümer und Errungenschaften der Zivilisation hinter sich zu lassen, um tief in die wilde und einsame Schönheit der Natur einzutauchen. 
(Quelle: Piper Verlag)

 

Meine Meinung


Aufbruch ohne Wiederkehr


Ein Buch, das schon eine ganze Weile in meinem Regal stand und irgendwie auf den richtigen Moment gewartet hat. Als der Frühling langsam Einzug hielt, wusste ich: Jetzt ist die Zeit für Alaska. Also endlich für "In die Wildnis" von Jon Krakauer.

Das Buch erzählt die wahre Geschichte von Chris McCandless, der direkt nach seinem Uniabschluss im Sommer 1990 alles hinter sich ließ. Ohne Abschied, ohne konkretes Ziel, zumindest keines, das seine Familie kannte. Für Eltern und Schwester verschwand er spurlos. Erst im August 1992 wurde seine Leiche in der Wildnis Alaskas gefunden. Zwei Jahre Ungewissheit, zwei Jahre Schweigen und unzählige Fragen.

Krakauer veröffentlichte Anfang 1993 zunächst einen Artikel über diesen rätselhaften jungen Mann. Doch das Schicksal von Chris ließ ihn nicht los. Er begann, tiefer zu recherchieren, sprach mit Menschen, die Chris auf seiner Reise begegnet waren, führte Gespräche mit den Eltern und seiner Schwester Carine. Aus dieser intensiven Spurensuche entstand schließlich dieses Buch, eine Mischung aus Reportage, Biografie und literarischer Annäherung.

Sehr schnell wird klar: Chris wollte nicht nur reisen. Er wollte sich neu erfinden. Er legte seinen Namen ab und nannte sich fortan Alexander Supertramp. Mit seinem geliebten gelben Datsun begann seine Reise quer durch Nordamerika. In Arizona unterlief ihm jedoch ein folgenschwerer Fehler: Er parkte sein Auto in einem trockenen Flussbett. In der Nacht verwandelten heftige Regenfälle das Gelände in einen reißenden Strom. Der Wagen war nicht mehr zu retten. Chris ließ ihn zurück, packte das Nötigste in seinen Rucksack – darunter einige Bücher, verbrannte sein restliches Geld und zog weiter. Spätestens hier wird deutlich, wie radikal er mit seinem bisherigen Leben brach.

"Ich will nicht wissen, wie spät es ist. 
Ich will nicht wissen, welchen Tag wir haben oder wo ich bin.
All das ist unwichtig." (S. 18)

Auf seinem Weg begegnete er vielen Menschen, die ihn ins Herz schlossen. Jan und Bob, ein reisendes Paar im Wohnwagen, mit denen er eine Zeit lang unterwegs war. In Kalifornien traf er Ron Franz, eine Begegnung, die mich besonders berührt hat. Für eine kurze Zeit schienen sie füreinander Halt zu sein, fast wie Familie. Doch Chris blieb rastlos. Er wollte keine Wurzeln schlagen. In Carthage, South Dakota, lernte er Wayne Westerberg kennen, arbeitete auf dessen Hof und wurde Teil einer kleinen Gemeinschaft. Zwischen den beiden entstand eine ehrliche Freundschaft. Als Westerberg verhaftet wurde, zog Chris erneut weiter. Am 27. April 1992 erhielt Wayne die letzte Karte von ihm, geschrieben aus Fairbanks. Darin verabschiedete sich Chris mit den Worten: "... Dieses Abenteuer geht vielleicht tödlich aus, und es kann sein, daß Du nie wieder von mir hören wirst. Ich möchte aber, daß Du weißt, wie sehr ich Dich bewundere. Ich breche nun in die Wildnis auf." Rückblickend laufen einem bei diesen Zeilen unweigerlich Schauer über den Rücken.

Krakauer ergänzt Chris’ Geschichte immer wieder durch Exkurse über andere Aussteiger und Abenteurer wie Gene Rosellini, der versuchte, vollkommen selbstversorgend zu leben, John Mallon Waterman, einen rastlosen Bergsteiger, Carl McCunn, der in der Wildnis auf seine nicht organisierte Abholung wartete, und Everett Ruess, der in den 1930er Jahren spurlos verschwand. Diese Einschübe zeigen, dass Chris kein Einzelfall war. Der Wunsch, sich von der Gesellschaft zu lösen und in der Natur eine Wahrheit zu finden, ist kein neues Phänomen. Ich fand diese Parallelen sehr interessant, weil sie Chris’ Geschichte in einen größeren Zusammenhang stellen.

Sein großes Ziel aber war Alaska. Über Umwege, per Anhalter, mit Güterzügen oder sogar mit dem Kanu bis nach Mexiko, zog es ihn letztlich immer wieder nach Norden. Schließlich wanderte er den Stampede Trail entlang und stieß auf einen alten, verlassenen Bus aus den 1940er Jahren. Dieser Omnibus wurde zu seiner Unterkunft und zu dem Ort, an dem im August 1992 seine Gebeine mit nur noch dreiunddreißig Kilo gefunden wurde.

Beim Lesen habe ich mich oft gefragt, wer Chris wirklich war. Er hatte offenbar große Konflikte mit seinem Vater und dem wohlhabenden Lebensstil seiner Eltern. Materielle Dinge lehnten ihn ab, vielleicht auch, weil sie für ihn ein Symbol für Oberflächlichkeit und Anpassung waren. Seine Reise wirkte wie eine Flucht, aber auch wie eine Suche. Mit erstaunlich wenig Besitz erlebte er unglaublich viel und hinterließ bei vielen Menschen bleibenden Eindruck.

das letzte Selfie auf seiner Kamera
Und doch blieb da dieses Gefühl der Sorge. Selbst als absolute Laie in Sachen Survival wurde mir schnell klar, wie schlecht ausgestattet er für Alaska war. Zu wenig warme Kleidung, kaum geeignete Ausrüstung für die Jagd, keine ausreichende Möglichkeit, Fleisch haltbar zu machen. Am Ende war er stark auf Pflanzen und Beeren angewiesen, sein Pflanzenratgeber wurde später bei ihm gefunden. Bis heute ist nicht vollständig geklärt, ob giftige Pflanzen zu seinem Tod beitrugen. Die Meinungen über Chris McCandless gehen weit auseinander. Für die einen ist er ein mutiger Idealist, für andere ein naiver Träumer. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Er war entschlossen und kompromisslos, aber auch erschreckend unvorbereitet.

In seinem Rucksack befanden sich Bücher von Leo Tolstoi, Jack London und Henry David Thoreau. Krakauer zitiert immer wieder von Chris markierte Passagen aus diesen Werken. Diese literarischen Einschübe spiegeln seine Gedankenwelt wider, seine Auseinandersetzung mit Existenz, Gesellschaft und Natur. Für mich persönlich waren diese Passagen stellenweise etwas langatmig und haben meinen Lesefluss gebremst, was letztlich zu einem kleinen Stern Abzug geführt hat. Dennoch unterstreichen sie eindrücklich, wie sehr Chris von diesen Ideen geprägt war.

"Er verlangte sich sehr viel ab - mehr als er am Ende in der Lage war, zu geben."
(S. 274)

Auch die Gespräche mit seiner Schwester Carine, die später selbst ein Buch über ihren Bruder veröffentlichte, verleihen der Geschichte eine zusätzliche, sehr persönliche Ebene. Man spürt, dass hinter der Legende „Alexander Supertramp“ ein Sohn und Bruder stand, dessen Verschwinden tiefe Wunden hinterließ.


Mein Fazit


"In die Wildnis" ist weit mehr als ein Abenteuerbericht. Es ist eine Geschichte über Freiheit, Rebellion, Idealismus und die schmale Grenze zwischen Mut und Selbstüberschätzung. Ein Buch, das bewegt, nachdenklich macht und noch lange nachhallt. Eine eindringliche, wahre Geschichte über einen jungen Mann, der als Chris McCandless geboren wurde und als Alexander Supertramp in die Wildnis aufbrach.
Ich habe auch bereits zu Verfilmung zum Buch geschaut.
Dazu erscheint demnächst noch ein kurzer Beitrag.

Der Autor

Jon Krakauer, geboren 1954, arbeitet als Wissenschaftsjournalist für amerikanische Zeitschriften. Er wurde durch den Millionenbestseller „In eisige Höhen“, in dem er den Überlebenskampf der Bergsteiger am Mount Everest schildert, weltberühmt. Für seine Reportagen wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Auf Deutsch erschienen von ihm außerdem: „Auf den Gipfeln der Welt“, „Mord im Auftrag Gottes“, „In die Wildnis“ (von Sean Penn verfilmt). Jon Krakauer lebt mit seiner Frau in Boulder, Colorado.
https://jonkrakauer.com/about/

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