
Inhaltsangabe
Dr. Ava Murphy, renommierte forensische Psychiaterin, glaubt, alles gesehen zu haben.
Bis Grace Sullivan ihr gegenübersitzt: jung, brillant – und verurteilt für einen Mord, der so grausam ist, dass selbst abgebrühte Ermittler verstummen. Doch hinter Grausamkeit und Kalkül liegt etwas anderes verborgen: eine Geschichte von Gewalt, die jedes Verständnis sprengt.
Je tiefer Ava in Grace’ zerstörte Welt eintaucht, desto mehr spürt sie einen Sog, der nicht nur berufliche Distanz bedroht. Grace erkennt Risse in Avas Fassade – Risse, die Ava selbst tief verborgen dachte. Und bald verschwimmen die Rollen von Täterin und Opfer auf gefährliche Weise.
Ein schonungsloser Psychothriller über Trauma, Schuld und das Band zwischen zwei zerstörten Seelen – ein Band, das tiefer reicht, als beide ahnen.
Hierbei handelt es sich um eine Neuauflage von Therapie einer Mörderin.
Meine Meinung
Wenn Opfer zu Täterinnen werden
In einem anderen Leben wäre ich vermutlich forensische Psychiaterin geworden. Heute arbeite ich selbst allerdings als Schmerzherapeutin, vielleicht war genau dieses berufliche Setting der ausschlaggebende Punkt, warum ich zu diesem Psychothriller greifen musste. Das Feld zwischen Schuld, Trauma, Verantwortung und Manipulation fasziniert mich und genau dort setzt dieser Roman an.
Bereits zu Beginn weist der Autor sensibel auf mögliche Trigger hin. Auch ich möchte meine Leserinnen und Leser vorwarnen: Thematisiert werden sexuelle Gewalt, Vergewaltigung (auch an Kindern), sowie massive Misshandlungen. Diese Aspekte sind zentral für die Handlung und werden nicht beschönigt.
Dr. Ava Murphy, 35 Jahre alt, selbstbewusst und durchsetzungsstark, war mir von der ersten Seite an sympathisch. Sie leitet seit Kurzem eine Abteilung im Central Mental Hospital in Dublin, die als Pilotprojekt auf die Behandlung und Begutachtung weiblicher Straftäterinnen spezialisiert ist. Ihre Patientinnen eint, dass sie Gewalt erfahren haben, ausgeübt haben, oder beides.
Mit der Aufnahme der neuen Patientin Grace steigt die Zahl auf zehn Frauen. Neben Ava arbeitet lediglich Dr. Connor Walsh in der Abteilung, ihr Kollege, Vertrauter und Liebhaber. Diese zusätzliche Ebene verleiht der Geschichte eine spürbare emotionale Spannung.
Grace hat Selbstjustiz verübt. Aus Rache, aber vor allem aus einem Überlebensinstinkt heraus. Jahrelang wurde sie von ihrem Pflegevater missbraucht. Aufgrund seiner Stellung im System wurde nie gegen ihn ermittelt. Also nahm Grace ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie empfand ich von Beginn an als zutiefst tragische und gleichzeitig beeindruckend starke Figur. Ihr Leid, die schiere Anzahl der Übergriffe, ich musste die entsprechende Passage tatsächlich mehrfach lesen, weil ich es kaum fassen konnte. Schnell wird deutlich, dass sie sich in der Klinik fehl am Platz fühlt. Sie hat sich befreit und zahlt nun den juristischen Preis dafür.
„Die Täter sollten verurteilt werden, nicht die Opfer, die sich nach teils Jahren der Misshandlung zur Wehr setzen.“ (S. 31)
Dieses Zitat, eingebettet in einen Kongressvortrag von Ava Murphy, trifft einen wunden Punkt unseres Rechtssystems. Der Roman stellt unbequeme Fragen und zwingt dazu, moralische Gewissheiten zu hinterfragen.
Eine weitere zentrale Figur ist Emily. Zunächst hielt ich sie für eine religiös fanatisierte Patientin, die ihre Realität nicht mehr klar einordnen kann. Doch ihr mörderischer Plan, den „letzten Sünder“ zu töten, entwickelt sich zu einem entscheidenden Bestandteil des psychologischen Katz-und-Maus-Spiels.
Ava selbst wird im Verlauf der Handlung immer vielschichtiger. Auch sie trägt die Geister ihrer Kindheit mit sich. Ihre kompromisslose Art, ihr Drang nach Kontrolle und Dominanz – all das hat eine Geschichte. Besonders bewegend ist der Hintergrund ihrer Herkunft: Ava wurde in einem irischen Mütterheim geboren und verbrachte dort ihre ersten Lebensjahre.
Diese Heime, zwischen 1922 und 1998 staatlich unterstützt und meist von katholischen Orden geführt, nahmen rund 56.000 unverheiratete Schwangere auf. Die Bedingungen waren oft entwürdigend. Viele Frauen verloren ihre Kinder durch Zwangsadoptionen, die Kindersterblichkeitsrate war erschreckend hoch. Dieses historische Fundament verleiht dem Roman zusätzliche Tiefe und eine beklemmende Authentizität.
Ein erster großer Spannungsmoment entsteht, als eine Patientin flieht. Emily macht sich auf die Suche nach dem „letzten Sünder“ und wem sie begegnet, hätte ich niemals erwartet. Für Ava wird schnell klar: Sie muss zurück in ihre Vergangenheit. Sie glaubte, ein bestimmtes Kapitel sei abgeschlossen, doch sie hat sich getäuscht.
Von diesem Moment an zieht die Spannung spürbar an. Ava gerät in ein neues Martyrium, während Connor gegen seine beruflichen Vorschriften verstößt, um sie zu finden. Was folgt, ist ein Strudel aus Gewalt, Wahrheit und erschütternden Enthüllungen.
Das Ende hat mich tief getroffen. Emotional, schonungslos und vollkommen unerwartet und doch stimmig. Der Autor entscheidet sich gegen den einfachen Ausweg. Und genau das macht dieses Finale so kraftvoll.
Dieses Buch hat mich lange nicht losgelassen. Es ließ mich nachdenken über verlorene weibliche Seelen, über systemisches Versagen, über Schuld und Selbstschutz. Ich möchte keineswegs Straftaten verherrlichen. Aber dieser Roman öffnet den Blick für Grauzonen. Für Kontexte. Für das „Warum“ hinter einer Tat.
Und genau das macht große Literatur aus.
Ein zentrales Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Werke des Autors zieht, ist die Frage: Was braucht es, um eine Seele zu brechen? Meines Erachtens braucht es viel. Eine Seele zerbricht nicht an einem einzelnen Moment, sie zerbricht an wiederholter Ohnmacht, an systematischem Wegsehen, an Gewalt, die kein Ende findet. Einige der Frauen in diesem Psychothriller haben genau das erlebt: Missbrauch, Verrat, institutionelles Versagen. Und bei manchen von ihnen hatte ich das beklemmende Gefühl, dass ihre Seelen tatsächlich zerbrochen sind, auf eine Weise, die sich vielleicht niemals vollständig heilen lässt. Gerade deshalb ist der Titel der Neuauflage so kraftvoll gewählt. „Seelenbruch“ greift weiter, denkt tiefer und berührt mehr als der frühere Titel „Die Therapie einer Mörderin“. Er rückt nicht die Tat in den Vordergrund, sondern das, was ihr vorausging und öffnet damit den Blick auf ein viel größeres, schmerzlich relevantes Spektrum.
Mein Fazit
„Seelenbruch“ ist ein außergewöhnlich intensiver Psychothriller, der weit über klassische Spannung hinausgeht. Er stellt unbequeme Fragen, fordert moralische Reflexion und verbindet psychologische Tiefe mit gesellschaftlicher Relevanz.
Der Autor

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