
Inhaltsangabe
Meine Meinung
Zwischen Loyalität und Schuld
Für unseren diesjährigen Irlandurlaub hatte ich mir vorgenommen, endlich einmal ein Buch von meinem SuB auszuwählen, das thematisch zur Reise passt. Meine Wahl fiel auf "Rückkehr nach Killybegs" von Sorj Chalandon. Und ich muss gleich zu Beginn noch sagen, dass meine Buchauswahl derzeit sehr interessenbezogen ist. Auch dieses Buch war Roman und Lehrbuch gleichzeitig, daher fällt auch diese Rezension etwas länger aus.
Auch wenn Nordirland letztlich nicht auf unserer Reiseroute lag, hatte ich diesen Teil der Insel bei der Planung immer im Blick. Die Durchreise hätte allerdings deutlich mehr Vorbereitung erfordert, da Nordirland weiterhin zu Großbritannien gehört und damit andere Einreisebestimmungen gelten als in der Republik Irland. Trotzdem reizt mich Nordirland als eigenständiges Reiseziel sehr, insbesondere aufgrund seiner bewegten Geschichte, die bis heute nachwirkt.
Und genau in diese Geschichte führt uns Chalandon mit seinem Roman.
Das Besondere: Der Roman beginnt mit seinem Ende. Tyrone Meehan sitzt in seinem Elternhaus in Killybegs, einem kleinen Küstenort im County Donegal im Nordwesten der Republik Irland, und wartet auf seinen Tod. Er weiß, dass ehemalige Weggefährten kommen werden, um ihn zu töten. Warum, erfährt der Leser erst nach und nach, während Tyrone auf sein Leben zurückblickt.
Seine Kindheit ist geprägt von Armut, Gewalt und politischen Spannungen. Nach dem Tod seines Vaters zieht die Familie von Killybegs nach Cliftonville in Nordirland zum Onkel. Der Vater war selbst in republikanischen Kreisen aktiv gewesen. Er konnte dem Druck und den Belastungen jedoch nicht standhalten und nahm sich schließlich das Leben. Tyrone wächst somit in einem Umfeld auf, in dem Politik, Widerstand und die irische Frage allgegenwärtig sind.
Der Eintritt in die IRA scheint für ihn beinahe vorgezeichnet. Die Irish Republican Army kämpfte für die Vereinigung Irlands und gegen die britische Herrschaft in Nordirland. Viele Katholiken fühlten sich damals politisch und gesellschaftlich benachteiligt. Die IRA verstand sich als Widerstandsbewegung, griff jedoch auch zu Gewalt und Anschlägen, was den Konflikt über Jahrzehnte weiter anheizte.
Besonders eindrucksvoll schildert Chalandon die zahlreichen Gefängnisaufenthalte Tyrone Meehans. Diese Abschnitte nehmen einen großen Teil des Romans ein und gehören für mich zu den stärksten Passagen des Buches. Der Autor beschreibt nicht nur die Haftbedingungen, sondern vor allem die Emotionen der Gefangenen. Ihre Verzweiflung, ihre Wut, ihren Zusammenhalt und ihren ungebrochenen Willen. Man spürt beim Lesen förmlich die Enge der Zellen und die Hoffnungslosigkeit vieler Situationen.
Der Höhepunkt dieser Gefängniszeit sind die Hungerstreiks der republikanischen Gefangenen Anfang der 1980er Jahre unter der Führung von Bobby Sands. Bobby Sands begann seinen Hungerstreik am 1. März 1981 und starb nach 66 Tagen am 5. Mai 1981. Insgesamt verloren zehn Hungerstreikende ihr Leben. Die Ereignisse erschütterten damals weit über Nordirland hinaus die Öffentlichkeit und werden im Roman eindringlich verarbeitet. Besonders diese Kapitel haben bei mir lange nachgewirkt.
Tyrone lebt die IRA mit jeder Faser seines Seins. Man könnte sagen, der Kampf wurde ihm in die Wiege gelegt. Im Laufe der Jahre steigt er innerhalb der Organisation immer weiter auf, genießt Vertrauen und Respekt. Dabei steht ihm seine Frau Sheila stets zur Seite.
Gerade die Rolle der Frauen innerhalb der IRA fand ich äußerst interessant. Während die Männer oft im Mittelpunkt der politischen und militärischen Aktionen standen, waren es häufig die Frauen, die im Hintergrund alles am Laufen hielten. Sie organisierten, transportierten Nachrichten und Material, unterstützten Familien von Inhaftierten und hielten den Alltag aufrecht. Ohne ihren Einsatz wäre vieles wohl nicht so reibungslos möglich gewesen. Dieser Aspekt wird in vielen Darstellungen des Nordirlandkonflikts eher am Rande erwähnt, erhält hier jedoch erfreulich viel Aufmerksamkeit.
Der eigentliche Wendepunkt von Tyrones Geschichte beginnt mit einem einzigen unachtsamen Moment. Ein Fehler, der einen Kameraden und Freund das Leben kostet. Noch schwerer wiegt die anschließende Lüge, mit der Tyrone versucht, seine Verantwortung zu verbergen. Doch die Wahrheit bleibt nicht verborgen. Britische Sicherheitskräfte erfahren von seinem Geheimnis und nutzen dieses Wissen, um ihn zu erpressen.
Von diesem Moment an beginnt sein Doppelleben.
Nach außen bleibt er der überzeugte Republikaner und angesehene IRA-Mann. Im Verborgenen liefert er Informationen an die britischen Sicherheitsdienste. Jahrzehntelang lebt er zwischen diesen beiden Welten, gefangen zwischen Loyalität, Schuldgefühlen und Angst vor der Entdeckung.
Die unvermeidliche Enttarnung zerstört schließlich alles. Freunde wenden sich ab, Kameraden sprechen das Todesurteil aus, und Tyrone verliert die Gemeinschaft, für die er sein gesamtes Leben geopfert hat. So schließt sich der Kreis und der Roman kehrt an seinen Ausgangspunkt zurück: nach Killybegs, wo Tyrone auf das Ende wartet.
Besonders beeindruckt hat mich an diesem Buch sein Aufklärungscharakter. Sorj Chalandon gelingt es, die damalige Zeit unglaublich realistisch und schonungslos darzustellen. Viele Szenen sind schockierend, manche kaum auszuhalten. Obwohl mich das Thema von Anfang bis Ende sehr interessiert hat, war dieses Buch kein Pageturner im klassischen Sinn. Oft musste ich nach einigen Kapiteln innehalten, das Gelesene sacken lassen und den geschilderten Ereignissen Zeit geben, nachzuwirken.
Zum Schluss noch eine interessante Information zur Entstehung des Romans: Die Figur Tyrone Meehan basiert auf dem realen Leben von Denis Donaldson, einem hochrangigen IRA-Mitglied, das nach Jahrzehnten als Informant britischer Sicherheitsdienste enttarnt wurde. Sorj Chalandon kannte Donaldson persönlich aus seiner Zeit als Journalist in Nordirland. Dieses Wissen verleiht dem Roman rückblickend noch einmal eine zusätzliche Ebene und macht die Geschichte umso eindringlicher.
Mein Fazit
Der Autor
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| ©JF PAGA |





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