Samstag, 20. Juni 2026

[REZENSION] Der Übergang | postapokalyptischer Roman | Band 1

Titel: Der Übergang | Autor: Justin Cronin
Seitenanzahl: 1136 Seiten 
Reihe: Band 1/3 der Passage-Reihe


Inhaltsangabe


Das Mädchen Amy ist gerade einmal sechs Jahre alt, als es von zwei FBI-Agenten entführt und auf ein geheimes medizinisches Versuchsgelände verschleppt wird. Man hat lange nach Amy gesucht: der optimalen Versuchsperson für ein mysteriöses Experiment, das nichts Geringeres zum Ziel hat, als Menschen unsterblich zu machen. Doch dann geht irgendetwas schief - völlig schief. Von einem Tag auf den anderen rast die Welt dem Untergang entgegen. Und nur eine kann die Menschheit vielleicht noch retten: Amy Harper Bellafonte.

 

Meine Meinung


Zehn Jahre später und Amy hat mich wieder gefunden


Für mich war "Der Übergang" ein ganz besonderer Re-Read, denn mein erstes Lesen liegt inzwischen zehn Jahre zurück. Und seien wir ehrlich: Wenn man ein Buch mit über 1100 Seiten ein zweites Mal zur Hand nimmt, dann muss diese Geschichte schon etwas Besonderes können. Damals befand ich mich in den Entzügen meiner Zwanziger, heute in denen meiner Dreißiger und obwohl dieselben Worte auf denselben Seiten stehen, hat mich dieses Buch auf eine völlig andere Art abgeholt.  Zehn Jahre verändern einen Menschen, seine Sicht auf die Welt und auch die Art, Geschichten wahrzunehmen.

Seit Anfang des Jahres betreibe ich auf meinem Blog die Aktion „Der erste Satz“, und gerade bei "Der Übergang" ist mir dadurch noch einmal bewusst geworden, wie unglaublich stark dieser Einstieg ist. 

"Bevor sie das Mädchen Von Nirgendwo wurde - das Mädchen, das plötzlich auftauchte, Die Erste Und Letzte Und Einzige, die tausend Jahre lebte-, war sie nur ein kleines Mädchen aus Iowa und hieß Amy."

Dieser erste Satz verspricht so viel, erzeugt Spannung und nennt gleichzeitig bereits die wichtigste Figur der Geschichte. Noch bevor die eigentliche Handlung beginnt, ist da dieses Gefühl, dass etwas Großes auf den Leser wartet.

Vor dem Re-Read habe ich mich oft gefragt, wie viel von der Geschichte überhaupt noch in meinem Gedächtnis geblieben ist. Tatsächlich hätte ich die ersten Szenen im Dschungel nicht mehr zusammenbekommen. Dennoch war ich sofort wieder in der Geschichte angekommen. Spätestens als der Zoobesuch anstand, war dieses vertraute Gefühl wieder da und ich wusste, warum mich diese Geschichte damals so begeistert hatte.

Was mir bereits vor zehn Jahren aufgefallen ist und auch diesmal wieder auffiel, ist die enorme Fülle an Charakteren. Gerade zu Beginn und rund um die Kolonie wirkt die Anzahl der Figuren fast erschlagend. Doch Justin Cronin versteht sein Handwerk. Nach und nach richtet sich der Fokus auf ausgewählte Personen, der Kreis wird kleiner und plötzlich wachsen einem diese Figuren so sehr ans Herz, dass man jede ihrer Entscheidungen und jede Gefahr mit ihnen durchlebt. Einen einzelnen Lieblingscharakter habe ich bis heute nicht. Vielmehr sind es zahlreiche Figuren, die auf ganz unterschiedliche Weise in Erinnerung bleiben und die Geschichte tragen.

Auch zehn Jahre später liebe ich Justin Cronins Schreibstil. Natürlich hat sich dieser nicht verändert, schließlich steht noch immer dieselbe Geschichte zwischen denselben Buchdeckeln. Dennoch hat mich seine Art zu erzählen erneut vollkommen eingefangen. Für mich ist "Der Übergang" weit mehr als eine Dystopie oder ein postapokalyptischer Roman. Das Buch vereint so viele verschiedene Elemente und Genres, dass es sich kaum auf eine einzige Schublade reduzieren lässt. Horror, Science-Fiction, Endzeitstimmung, Abenteuer, Charakterdrama und Hoffnung verschmelzen hier zu etwas ganz Eigenem.

Gleichzeitig bleibt dieses Buch eine Geschichte, die Aufmerksamkeit verlangt. Es ist kein Roman für zwischendurch und ganz sicher keiner, den man nebenbei konsumiert. 1136 Seiten lesen sich nicht einfach weg. Deshalb habe ich mir bewusst Zeit genommen und im gesamten Monat März kein anderes Buch gelesen. In den vergangenen zehn Jahren als Buchblogger habe ich gelernt, dass Lesen unter Druck keinen Spaß macht. Für diesen Re-Read wollte ich mir die Zeit schenken, die diese Geschichte verdient, und ich glaube, genau dadurch konnte sie noch einmal ganz anders auf mich wirken.

Besonders gerne habe ich wieder die Zeit in der Kolonie erlebt. Die Beziehungen zwischen den Figuren, das Miteinander, die kleinen und großen Konflikte sowie die allgegenwärtige Gefahr außerhalb der schützenden Mauern haben mich erneut gefesselt. Amys Ankunft gehört für mich ebenso zu den stärksten Momenten der Geschichte wie das spätere Verlassen der Kolonie. Interessanterweise war genau dieser Teil nach dem Aufbruch fast vollständig aus meiner Erinnerung verschwunden. Vor allem das Hafensetting hatte sich über die Jahre komplett aus meinem Kopf gelöscht. Warum das so ist, kann ich bis heute nicht sagen. Umso spannender war es, diese Abschnitte beinahe wie zum ersten Mal zu erleben.

Und dann dieses Ende. Oder vielmehr: diese Enden. Für mich gibt es bei "Der Übergang" nicht nur einen Abschluss, sondern mehrere. Verschiedene Handlungsstränge finden ihren ganz eigenen, besonderen Ausklang. Wenn ich an Lacey denke, an Amy und Wolgast oder an die vielen anderen Figuren, dann bleiben vor allem die Emotionen zurück. 
Es sind Abschiede, Hoffnungen und offene Türen zugleich.

Die Erinnerung an die Zwölf ist nun wieder wach und meine Vorfreude auf die nächste Leserundenphase ab dem 1. Juli könnte kaum größer sein. Ich freue mich auf den Austausch mit anderen Lesern, aber genauso darauf, die weitere Reise für mich selbst zu erleben. Und wenn ich ehrlich bin, glaube ich inzwischen fest daran, dass dies nicht mein letzter Besuch in dieser Welt gewesen ist. Vielleicht dauert es wieder einige Jahre. Vielleicht sogar zehn. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es irgendwann auch ein drittes Mal geben wird, an dem ich diese Reihe zur Hand nehme und erneut in diese außergewöhnliche Geschichte eintauche.


Mein Fazit


Auch zehn Jahre nach meinem ersten Besuch in dieser Welt hat dieser Reihenauftakt nichts von seiner Faszination verloren. Justin Cronin erzählt eine epische, vielschichtige Geschichte voller Spannung, Emotionen und unvergesslicher Momente, die weit über eine klassische Dystopie hinausgeht. Für mich war dieser Re-Read genauso beeindruckend wie damals, nur auf eine andere Art.

Eine klare Leseempfehlung an alle, die dieses Meisterwerk noch immer ungelesen im Regal stehen haben. Nehmt euch die Zeit dafür, sie lohnt sich.

Der Autor

 Justin Cronin stammt aus New England und studierte in Harvard. Er besuchte den berühmten Iowa Writers' Workshop und lebt heute mit seiner Frau und seinen Kindern in Houston, Texas, wo er an der Rice University Englische Literatur unterrichtet. Er veröffentlichte zwei Romane, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. Die Übersetzungsrechte an seiner Trilogie, die mit "Der Übergang" begann, wurden innerhalb kürzester Zeit in 23 Länder verkauft.
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Weitere Bücher der Reihe



Ab dem 1. Juli geht es weiter...

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