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Montag, 3. August 2026

[REZENSION] Septemberjunge | Autobiografie

Titel
Septemberjunge
Autor / Autorin
Lara Ried
Seitenanzahl
572 Seiten
Link zum Buch
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Inhaltsangabe

"Septemberjunge" erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte eines jungen Mannes aus Oschatz in den Jahren 1942 bis 1945. Der Zweite Weltkrieg ist in vollem Gange, und wie so viele Jugendliche wird auch der achtzehnjährige Oschatzer in die Wehrmacht eingezogen und an die Ostfront geschickt, hinein in den russischen Winter. Sein Weg von hier an wird jedoch nicht nur bestimmt von den schweren Kämpfen und Verlusten des Krieges, sondern ebenso von erstaunlich glücklichen Umständen und bewegenden, lebensverändernden Ereignissen. Dazu zählen unter anderem die unerwartet herzlichen Begegnungen mit russischen Zivilisten, sein Aufenthalt in einem bayerischen Reservelazarett mit einer außergewöhnlichen Krankenschwester, der Beginn enger, wenn auch teils tragischer Freundschaften, sein knappes Überleben als Fahnenflüchtiger sowie die schicksalhafte Kennenlern- und Liebesgeschichte zwischen ihm und einer jungen Frau.

Meine Meinung

 Ich lese sehr gern Bücher, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, besonders dann, wenn ihnen persönliche Erinnerungen oder Zeitzeugenberichte zugrunde liegen. Mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Handlung fand ich deshalb die Entstehungsgeschichte des Romans. Lara Ried hat den Mann hinter dieser Geschichte persönlich kennengelernt und seine Erinnerungen in Gesprächen festgehalten. Aus seinen Erzählungen entstand schließlich ein fast 600 Seiten umfassender biografischer Roman. 

 Eine stilistische Besonderheit fällt bereits nach kurzer Zeit auf: Der Protagonist wird im gesamten Buch nicht mit seinem Namen angesprochen. Er bleibt durchgehend „der Junge“. Ein solches Stilmittel ist mir schon lange nicht mehr begegnet. Einerseits passt diese Bezeichnung sehr gut zur Geschichte. Sie verdeutlicht immer wieder, wie jung dieser Mensch eigentlich war, als er in den Krieg geschickt wurde. Andererseits sorgte die fehlende namentliche Benennung bei mir für eine gewisse persönliche und emotionale Distanz. Obwohl ich den Jungen über viele Jahre, Orte und prägende Erlebnisse hinweg begleitete, blieb zwischen ihm und mir als Leserin eine kleine unsichtbare Grenze bestehen. Diese Empfindung zog sich für mich durch das gesamte Buch. 

 Die Geschichte beginnt mit der Einberufung des Jungen und seines Freundes Walter, mit dem er seit Kindheitstagen verbunden ist, zum Reichsarbeitsdienst. Auf den Reichsarbeitsdienst folgt für den Jungen die Einberufung zur Wehrmacht. Nach einer stark verkürzten Ausbildungszeit erhält er den Marschbefehl an die Ostfront. Er ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 18 Jahre alt. Schon diese ersten Seiten zeigen eindringlich, wie aus jungen Menschen innerhalb kürzester Zeit Soldaten gemacht wurden. Sie wurden aus ihrem vertrauten Umfeld gerissen und oftmals unzureichend ausgebildet in einen Krieg geschickt, auf dessen Realität sie niemand wirklich vorbereiten konnte. Ich las gleichermaßen gespannt wie beklommen weiter. 

Was würde den Jungen in Russland erwarten? Der russische Winter, die erbarmungslose Kälte und die ständige Gefahr von Erfrierungen bestimmen große Teile seines Alltags. Hinzu kommen Hunger, Erschöpfung, Verwundungen sowie menschliche und territoriale Verluste. Besonders nahe gingen mir die Begegnungen mit den verschiedenen Soldaten. Der Junge lernt Menschen kennen, verbringt Zeit mit ihnen und teilt mit ihnen einen Alltag, der von Unsicherheit und Gefahr geprägt ist. Einige Seiten später erfährt man dann, dass einer dieser Männer gefallen ist. Solche Nachrichten muss der Junge immer wieder verkraften. Menschen, die gerade erst Teil seiner Geschichte geworden sind, verschwinden plötzlich aus ihr. Zurück bleiben Erinnerungen und die Erkenntnis, dass niemand weiß, wer den nächsten Tag noch erleben wird. Mit der Zeit wird deshalb vor allem ein Wunsch immer stärker: diesen Krieg selbst möglichst unbeschadet zu überstehen und irgendwann nach Hause zurückkehren zu können. 

 Dabei erzählt das Buch nicht nur von militärischen Einsätzen und Kriegshandlungen. Gerade die ruhigeren, persönlichen Passagen geben der Geschichte ihre emotionale Tiefe. Vor dem Marschbefehl erlebt der Junge noch einmal Zeit mit seiner Familie in Oschatz. Auch während eines genehmigten Heimaturlaubs darf er für kurze Zeit in sein vertrautes Leben zurückkehren. Diese Momente stehen in starkem Kontrast zum Geschehen an der Front. Die Familie, sein Bruder Fred, die Eltern und Oma Klärchen verkörpern all das, was der Junge zurücklassen musste und wohin er zurückzukehren hofft.

 Hinzu kommen seine Lazarettaufenthalte in Alexandersbad in den Jahren 1943 und 1944. Dort begegnet er Schwester Resi. Diese Seiten habe ich besonders gern gelesen. Für einen Moment rückt das Kriegsgeschehen etwas in den Hintergrund, und der Blick richtet sich stärker auf zwischenmenschliche Begegnungen, Fürsorge und kleine Augenblicke der Normalität. Zwischen Krieg, Angst, Verwundungen und Ungewissheit entwickelt sich auch eine junge Liebe. Sie vermittelt Hoffnung in einer Zeit, in der Zukunftspläne alles andere als selbstverständlich waren. 

Was ich während der Lektüre einbüßen musste, war ein gleichmäßiger Lesefluss. Das lag allerdings weniger an der Geschichte als an der Zeit, die mir im Alltag zur Verfügung stand.

Ich habe das Buch von Ende April bis Anfang Juli gelesen. Für ein einzelnes Buch ist das eine lange Zeit. Dennoch fand ich erstaunlich schnell wieder in die Geschichte zurück, sobald sich ein neues Lesezeitfenster ergab.

Während des Lesens habe ich mir viele Notizen gemacht. Gerade weil mich das Buch über einen so langen Zeitraum begleitet hat, war es mir wichtig, ihm am Ende eine ausführliche und gebührende Rezension zu widmen.

Fazit  ★★★★☆

„Septemberjunge“ ist ein beeindruckendes Autorendebüt, das auf den Erinnerungen eines Zeitzeugen beruht und authentische Einblicke in die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs vermittelt. Neben den Erlebnissen an der Ostfront spielen auch Familie, Freundschaft und eine junge Liebe eine wichtige Rolle.

Die Bezeichnung des Protagonisten als „der Junge“ fand ich stilistisch interessant, empfand dadurch aber auch eine gewisse emotionale Distanz. Dennoch ist das Buch besonders für Leserinnen und Leser empfehlenswert, die gern biografische Romane und Erfahrungsberichte aus dieser Zeit lesen.


Fakten zur Autorin

Lara Ried wurde 1996 in Nordhessen geboren und lebt sowohl dort als auch in Mannheim. Die Leidenschaft für das Lesen und das Schreiben, für reale Geschichten und erfundene Welten begleitet sie schon lange, weshalb sie als Jugendliche begonnen hat, eigene Kurzgeschichten und Romane zu verfassen. Nach einem Dachbodenfund alter Feldpostbriefe entwickelte sich zudem ihre Faszination für Lebensgeschichten und Schicksale aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese beiden Interessen führten schließlich zur Entstehung ihres biografischen Romans "Septemberjunge" und zu dem Wunsch, erstmalig ein Buch zu veröffentlichen, statt es nur im Familien- und Freundeskreis herumzureichen. Seit 2025 ist sie damit auch "offiziell" als Autorin tätig.