Inhaltsangabe
Ein liebender Kommissar, ein tödliches Missverständnis und die verflixte Beschaffenheit der Welt.
Sebastian kann mit seinem Leben mehr als zufrieden sein. Vielleicht hat er ein bisschen zu viel von seinem physikalischen Talent zugunsten seiner Familie aufgegeben. Sein alter Freund Oskar, auch er ein Genie der theoretischen Physik, erinnert ihn zuweilen daran. Als Sebastian seinen Sohn in ein Ferienlager fahren will, findet er sich unversehens in einem Alptraum wieder. Der Sohn wird entführt, und er bekommt ihn erst wieder, wenn er einen Mord begeht ...
Meine Meinung
„Schilf“ war diesmal das Buch unserer kleinen Leserundentruppe mit Jenny und Caro. Wir drei kennen uns aus der Ausbildungsklasse und treffen uns regelmäßig zum gemeinsamen Bücheraustausch und machen aus der Auswahl unseres nächsten Buches immer ein kleines Spiel: Abwechselnd sucht eine von uns drei mögliche Titel aus und stellt sie den anderen in Form von Rätseln vor. Erst wenn wir die Bücher erraten haben, entscheiden wir gemeinsam, welcher der drei Titel als Nächstes gelesen wird. So ist dieses Mal „Schilf“ von Juli Zeh bei uns eingezogen. Sobald wir alle drei den Titel gelesen haben, verabreden wir uns zu einem gemütlichen Essen und wählen das nächste Buch aus. Jenny darf uns Ende August drei Titel vorschlagen.
Zum Titel "Schilf" muss ich sagen: Der Titel hat sich mir erst einmal überhaupt nicht erschlossen. Was hat „Schilf“ mit einem Physiker, einer vermeintlichen Entführung und einem Mord zu tun? Nun ja, diese Frage klärt sich dann irgendwann ziemlich eindeutig.
Im Mittelpunkt steht Sebastian, der mit seiner Freundin Maike und seinem Sohn Liam lebt. Dazu kommt sein alter Studienfreund Oskar, ebenfalls Physiker. Und genau da liegt für mich schon eines der Probleme des Buches: Es wird sehr, sehr viel über Physik, Zeit, Zufälle, Materie und das große Ganze philosophiert. Sebastian und Oskar verlieren sich immer wieder in langen Gedanken und Dialogen, bei denen ich irgendwann schlicht nicht mehr mitkam. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass das thematisch so gar nicht meine Welt ist. An manchen Stellen habe ich tatsächlich nur noch quer gelesen und gehofft, dass wir bald wieder zur eigentlichen Geschichte zurückkommen.
Die hatte nämlich durchaus ihren Reiz. Während Maike mit dem Fahrrad im Urlaub ist, soll Sebastian Liam ins Pfadfinderlager bringen. Bei einem Halt an einer Raststätte geht er kurz zur Toilette, bekommt dort einen mysteriösen Anruf und als er wieder herauskommt, sind sein Volvo und Liam verschwunden. Sebastian bekam am Telefon die Anweisung, jemanden zu beseitigen. Und Sebastian tut es tatsächlich. Für seinen Sohn.
Dann wird es allerdings richtig seltsam: Liam taucht plötzlich völlig unversehrt im Pfadfinderlager auf. Er weiß nichts von einer Entführung und hat offenbar die ganze Zeit im Auto geschlafen. Hat Sebastian sich das alles nur eingebildet? Was ist an der Raststätte wirklich passiert? Und wer steckt dahinter?
An diesem Punkt kommt mit Rita Skura endlich eine Figur ins Spiel, die mir richtig gut gefallen hat. Die etwas eigenwillige Catlady-Kommissarin war mir sofort sympathisch und hätte von mir aus gerne noch viel mehr Raum bekommen dürfen. Weil die Ermittlungen nicht so recht vorankommen, holt sie schließlich ihren ehemaligen Professor Schilf dazu und siehe da, plötzlich ergibt auch der Buchtitel Sinn.
Mit Schilf wurde das Buch für mich dann tatsächlich interessanter. Er ist schwer krank und bewegt sich immer wieder irgendwo zwischen messerscharfer Erkenntnis und völlig verschwommener Realität. Er zweifelt nicht nur an seinen Ermittlungen, sondern zunehmend auch an sich selbst und seinem ganzen bisherigen Leben. Gleichzeitig erkennt er recht schnell, dass Sebastian das Opfer getötet hat. Trotzdem scheint er ihn eher schützen zu wollen, weil er ahnt, dass Sebastian nicht aus freien Stücken gehandelt hat und hinter allem noch etwas ganz anderes steckt.
Schilf und Rita Skura waren für mich mit Abstand die interessantesten Figuren des Romans. Sebastian, Maike, Liam und auch Oskar sind dagegen leider ziemlich blass geblieben. Gerade bei Sebastian hätte ich eigentlich erwartet, emotional viel stärker mitzufühlen, schließlich glaubt er, sein Sohn sei entführt worden und begeht deswegen einen Mord. Trotzdem hat mich seine Figur erstaunlich wenig berührt.
Der Schreibstil war für mich grundsätzlich okay, aber oft einfach zu ausschweifend. Gerade die vielen physikalischen und philosophischen Gedankengänge haben mich eher aus der Geschichte herausgebracht, als dass sie mich fasziniert hätten. Mir ist schon klar, dass diese Themen zum Aufbau des Romans und zu seiner Idee gehören, aber für meinen Geschmack war es einfach zu viel.
Was ich dagegen wirklich gelungen fand, war die Auflösung am Ende. Die war einerseits so simpel, dass ich fast lachen musste, andererseits ziemlich clever und gewieft. Damit konnte das Buch für mich noch einmal einen Pluspunkt sammeln.
Fazit ★★★☆☆
Unterm Strich gehört „Schilf“ für mich eher zu den schwächeren Büchern von Juli Zeh. Ich weiß, dass sie es für meinen Geschmack deutlich besser kann. Als Einstieg in ihre Bücher würde ich „Schilf“ daher wahrscheinlich nicht empfehlen. Wer allerdings Spaß an Physik, philosophischen Gedankenspielen, Wahrnehmung, Zufall und der Frage hat, was eigentlich Realität ist, könnte mit dem Roman deutlich mehr anfangen als ich.
Zusammen mit „Schilf“ ist übrigens auch „Über Menschen“ bei mir eingezogen. Und obwohl mich dieses Buch nicht komplett überzeugen konnte, freue ich mich trotzdem darauf – denn Juli Zeh bekommt von mir auf jeden Fall noch eine Runde.


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