Freitag, 6. Juli 2018

[Rezension] Ich bin voller Hass - und das liebe ich

Titel: Ich bin voller Hass - und das liebe ich | Autor: Joachim Gaertner
Verlag: Eichborn Verlag | Preis: nur noch gebraucht erhältlich 
Seitenanzahl: 192 Seiten | ISBN: 978-3-821-85848-7
Kaufen: Hier
(nicht erschrecken bei dem Preis^^)

Inhaltsangabe
Joachim Gaertner erzählt die innere Geschichte des Attentats an der Columbine Highschool anhand von Originaldokumenten, Tagebüchern, Interneteinträgen, Verhörprotokollen und Aussagen von Beteiligten. Die Dramaturgie seiner literarischen Montage öffnet den Blick für das Ungeheuerliche einer Tat, die von den Tätern bis ins kleinste Detail in der Fantasie, in literarischen Szenen, Tagebüchern, auf Internetseiten und in Videos ausgebildet wurde, bis sie schließlich katastrophale Realität wurde.
(Quelle: Klappentext des Buches)


Meine Meinung

Das Columbine Attentat von innen


„Das letzte Schuljahr kommt auf die Klasse von 1999 zu. Wie die meisten meiner Mitschüler bin ich mir unsicher, was ich davon erwarten soll. Aber ich nehme an, dass ich mehr Spaß haben werde als in allen Schuljahren bisher.
Auf jeden Fall mehr Freiheit.“
(Dylan Klebold, 18.08.1998, Zitat S. 7)

Mit diesen Worten startet dieser Tatsachenbericht.
Selten rolle ich eine Rezension von hinten auf, hier soll dies aber der Fall sein.
Im Nachwort stellt der Autor einen Vergleich der USA mit Deutschland an.
Vergleichspunkt ist der Umgang mit Informationen nach solch einem Vorfall, wie zum Beispiel dem hier beschriebenen Amoklauf.
In den USA ist es der Bevölkerung durch den Freedom of Information Act möglich, unheimlich viele Informationen zum Vorfall zu erhalten. Die Öffentlichkeit steht nicht im Dunkeln, wie es zum Beispiel in Deutschland der Fall ist.
Solch ein Buch würde nach einem Vorfall in Deutschland meines Erachtens nicht zu Stande kommen.
Diesen Punkt befürworte ich nicht aufgrund von Neugierde und Nervenkitzel, sondern es sollte ein Schutz darstellen. Vergleicht könnten angestellt werden und Schicksalsschläge eventuell vermieden werden.

1999 war ich noch keine 10 Jahre alt und habe an den 20.04.1999 keine nennenswerten Erinnerungen. Für die Stadt Littleton im Bundesstaat Colorado bedeutet dieses Datum ein Schreckensszenario.
Zwei Schüler der Columbine High School stürmen die Schule und töten Menschen.

In dem dokumentarischen Roman „Ich bin voller Hass – und das liebe ich“ versucht der Autor uns das Innenleben der zwei Jungs, deren Umfeld und Situation genauer zu erklären. Kann man diese Tat nachvollziehen?
Nein, dass denke ich nicht, aber dennoch fand ich die Tagebucheinträge und andere verwendete Tatsachenberichte sehr interessant, spannend und gleichzeitig verstörend.

„Für die meisten Leute mag das irgendein Computerspiel sein, aber für mich ist es ein Ventil für meine Gedanken und Träume.“
(Eric Harris über das Ego-Shoot-Spiel Doom, S. 24)

Eric Harris, damals 18 Jahre alt und Dylan Klebold, damals 17 Jahre alt, bezeichneten sich als „Natural Born Killer – NBK“.
Dylan und Eric
© Google

Beim Lesen war ich förmlich entsetzt, in wie weit sich ihre spätere Tat schon angedeutet hat. Schularbeiten und auch Interneteinträge waren meiner Meinung nach angsteinflößend und hätten Lehrer und Mitleser der Internetseiten hellhörig werden lassen. Hier hoffe ich, dass dieser Vorfall ein Mahnmal war.

Beide Jungen würde ich als Ausgegrenzte bezeichnen.
Weder Eric, noch Dylan hatten eine Unzahl an Freunde. Sobald es jemanden gab, spielte beiden Jungs das Schicksal mies mit.

„Es dauert nicht lange, einen Freund zu finden, aber es braucht nur drei Wörter, einen zu verlieren: >>Wir ziehen um.<<“
(Eric Harris, S. 94)

Jedoch fanden sie durch Computerspiele, durch Interesse an Filmen und Musik zu einander. Eine feste, innige Freundschaft konnte ich in diesem Roman nicht herauslesen, aber beide hatten die gleichen Wünsche, Ängste und Ziele.

„Ich kann gar nicht warten, bis ich euch alle töten kann.“
(Eric Harris auf seiner Website)

„Behaltet das im Kopf, ich will die Welt verbrennen, ich will jeden töten bis auf ungefähr 5 Leute.“
(Eric Harris, S. 129)

© Google
High School Foto

Auch wenn dieses Buch viele Eindrücke liefert, fragt man sich beim Lesen immer wieder WARUM?
Für mich verlaufen sich die Ursachen im Sand.
Den Jungs aufgrund ihres natürlichen Wesens die Schuld zu geben, wäre zu einfach.
Es ist dieses große Ganze.
Aber jegliche fördernde Faktoren, welche zu dieser Tat führten, zu erläutern, würde diese Meinung zum Buch sprengen.


Mein Fazit
Ich bin froh, dieses Buch nun endlich gelesen zu haben.
Einige Passagen werden mir in Erinnerung bleiben und ich bin interessiert weitere Literatur zu diesem Vorfall zu lesen.
Jedem Jugendlichen auf dieser Welt, der von ähnlichen bösen Geistern begleitet wird, wünsche ich einen anderen, gewaltfreien Umgang mit Ängsten und Sehnsüchten zu finden.
Für Interessierte ganz klare Leseempfehlung.


Folgende Literaturvorschläge könnten vielleicht auch für euch interessant sein.
Das erstgenannte liegt schon zu Hause bereit.
Hier berichtet die Mutter von Dylan Klebold ihre Geschichte.
Die Familie von Eric Harris äußerte sich bis heute nicht in der Öffentlichkeit zur Tat ihres Sohnes.
Buch 2 und 3 sind vergriffen, können aber bei bekannten Gebrauchtportalen für wenig Geld ergattert werden 😉


Kommentare:

  1. Hi!

    Das hört sich wirklich interessant an, vor allem der Blick in das "tatsächliche" Innenleben durch diese Tagebuchausschnitte. Werden in dem Buch eigentlich in irgendeiner Form die Eltern erwähnt? Von dem Autor oder auch von den beiden Jungen?

    Ich musste jetzt gerade, als ich deine Rezension gelesen habe, sofort an die 2. Staffel von "Tote Mädchen lügen nicht" denken. Da gibt es ja auch einen Jungen, der von Anfang an immer der "Loser" war und immer noch eins drauf bekam und der mir auch immer sehr leid getan hat. Bei ihm könnte ich mir so einen Akt durchaus vorstellen und ich könnte die Handlung nicht nachvollziehen (das kann niemand) aber aus der Folge der Ereignisse kann ich zumindest verstehen, warum so jemand "austickt" - in welcher Art auch immer. Man kann nie in einen Menschen wirklich reinschauen und ich bin, wenn ich an diese Fälle denke, immer am überlegen, was diese jungen Menschen alles negatives erlebt haben, um zu so einem Schritt zu gelangen. Sehr traurig das Ganze.

    Vielen Dank für deine Rezension!

    Liebe Grüße, Aleshanee

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    1. Die Eltern werden wirklich sehr wenig besprochen. Die Jungs erzählen immer nur sehr kurz über Umzüge zwecks neuem Job usw. Aber beide Elternteile waren "normal". Der eine Vater sogar bei der Army. Lediglich im Nachwort wurde erwähnt, dass die Klebolds im Nachhinein auch im TV Interviews gegeben haben, die Harris' gar nicht. Umso mehr freue ich mich auf das Buch von Sue Klebold.

      Die Serie um "Tote Mädchen lügen nicht" habe ich noch nicht geguckt, aber wäre nun vielleicht mal ein Anreiz im Urlaub reinzuschauen :)

      Vielen Dank für deinen Besuch und deine Meinung zur Thematik.

      Liebe Grüße zurück

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