Mittwoch, 25. März 2015

Rezension "Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft"

Titel: Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft
Autorin: Swetlana Alexijewitsch
Verlag: Piper
Preis: 9,99€
Seitenanzahl: 288 Seiten
ISBN: 978-3-492-30625-6
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Inhaltsangabe
Swetlana Alexijewitsch wurde bekannt durch die Dokumentation menschlicher Schicksale und gilt als wichtigste Zeitzeugin der postsowjetischen Gesellschaft. Über viele Jahre hat sie mit Menschen gesprochen, für die die Katastrophe von Tschernobyl zum zentralen Ereignis ihres Lebens wurde. Entstanden sind eindringliche psychologische Porträts, die ungeheure Nähe zu den Betroffenen aufbauen und von höchster Sensibilität und journalistischer Perfektion zeugen.
(Quelle: Piper)



Bewertung
Zu Beginn wusste ich wirklich nicht wohin mich dieses Buch führen wird, aber am Inhaltsverzeichnis erkannte ich, dass dieses Buch eine Art Interview darstellt, denn die einzelnen Kapitel beginnen mit „Monolog über…“. Und mit der Vermutung, dass Zeitzeugen der Autorin Alexijewitsch ihre Geschichten erzählen, lag ich dann ganz richtig.

Da die Autorin bereits im Klappentext drauf verweist, dass es hier nicht spezifisch um die Reaktorkatastrophe geht, fand ich es trotzdem sehr gut und auch angebracht, dass der Leser zu Beginn noch mal ein paar Fakten erfährt, bevor die Monologe beginnen.

Für mich die wichtigsten Fakten waren:
26.04.1986 um 1.23 Uhr, ein Tag, der vielerlei Leben zerstörte bzw. veränderte.
Und die schreckliche Wahrheit der Folgen.
„Vor Tschernobyl kamen auf 100000 Einwohner Weißrußlands 82 Fälle von Krebserkrankungen. Heute meldet die Statistik: 6000 Krebskranke auf 100000 Einwohner. Eine 74fache Erhöhung.“ (S. 15)
(und diese Zahlen beziehen sich nur auf Weißrußland, schrecklich. Ich musste also auf S. 15 schon einmal mächtig schlucken!)

Weil es wirklich schwer ist, hier auf den Punkt zu kommen, versuche ich es so, wer dieses Buch in die Hand nimmt, den erwarten mehrere solche Momente, dass man es einfach nicht fassen kann. Man kommt mächtig ins Grübeln und zum Nachdenken über das eigene Leben, die Gesundheit und über unsere Umwelt. Denn bereits am 29.04.1986 konnte in Deutschland eine hohe Strahlenbelastung festgestellt werden, nur 3 Tage später!

An diesem Buch haben sich sehr viele Zeitzeugen, damalige Arbeiter, Ortsansässige, Evakuierte, Rückkehrer usw. beteiligt und wollten zusammen mit der Autorin eine Erinnerung erschaffen.
„Ihre Eile war berechtigt – viele von ihnen leben nicht mehr. Aber sie konnten noch ein Signal senden.“ (S. 43)

Es ist natürlich auch irgendwie ein Sachbuch und auch ich musste Herrn Google befragen, vor allem das Thema der physikalischen Einheit Röntgen, Curie und Rem waren mir unbekannt und ich wollte mit den im Buch genannten Zahlen etwas anfangen können.

Was macht die Radioaktivität mit dem Menschen bzw. mit den Tieren:

Wie ihr seht, die Folgen sind mehr als drastisch und dramatisch.
Um diesen Folgen bei Kindern zu entgehen, trieben allein im Jahr 1993 allein in Weißrußland 2000 Frauen ihre Kinder ab.

Wirklich am sprachlosesten an diesem Buch machen mich die Unwissenheit der Einwohner und der Informationsmangel bzw. die falschen Informationen, die die Einwohner Weißrußlands damals bekamen. Bereits Kinder lernen in der Schule, dass Atomkrafwerke „märchenhafte Farbriken“ sind. Wie gefährlich die Reaktoren sind, zeigt uns dieses Ereignis hingegen sehr deutlich.

Zitate, die dieses Buch lesenswert machen:
„Der Tod lauerte überall, aber dieser Tod war irgendwie anders.“ 
(S. 44)

„Nichts davon war brauchbar; Augen, Ohren und Hände taugen nicht, waren keine Hilfe, denn Radioaktivität ist unsichtbar, lautlos und ohne Geschmack. Körperlos.“ (S. 44)

Und auch die Menschlichkeit ging verloren.
„Nicht nahe herangehen! Nicht küssen! Nicht streicheln! Das ist nicht mehr der geliebte Mensch, er ist ein verseuchtes Objekt.“ (S. 49)
(Ein Arzt zu einer Frau, deren Mann im Krankenhaus liegt)

„Papa, ich möchte leben, ich bin doch noch so klein.“ (S. 66)

„…in der Zone sind viele Haustiere zurückgeblieben, Katzen, Hunde…Die müssen abgeschossen werde, um Seuchen zu verhüten.“ (S. 128)
(vor allem die Tiere taten mir hier unheimlich leid, denn die Menschen konnten sich gegen die Evakuierung wehren, die Tiere hatten keine Wahl!)

Fazit
Ein Buch, welches mich mehr als beeindruckt. Jedoch ist es ein Buch ohne Happy-End. Ich bin mitgenommen und schockiert, wie mit dieser Katastrophe und den daraus resultierenden Folgen, mit den Menschen und den Tieren umgegangen wurde.
Im Atomkraftwerk ist lediglich ein Reaktor explodiert, drei weitere hätten explodieren können, was das für Auswirkungen gehabt hätte, darüber möchte ich gar nicht nachdenken.
Großen Dank an die Autorin und auch an die Menschen, die dieses Buch möglich gemacht haben.
Einen Punkt Abzug bekommt dieses Buch, weil mir hier das visuelle zu kurz gekommen ist. Einerseits lege ich viel Wert auf Bilder bei solchen Themen, andererseits wäre dadurch vielleicht das Augenmerk zu sehr auf das Ereignis gefallen, es sollte ja um die Menschen gehen.
Trotzdem eine absolute Leseempfehlung für alle, die mental mit diesem Thema umgehen können.

Zur Autorin
Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren, ist eine der wichtigsten Zeitzeugen der postsowjetischen Gesellschaft. Ihre Bücher wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kurt-Tucholsky-Preis des schwedischen PEN, mit dem Triumph-Preis für Kunst und Literatur Russlands und mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
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Vielen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares an